Totentanz 1998 in Grenchen und Solothurn

In der Zeitschrift "Brückenbauer" sind zwei Artikel erschienen, welche wir hier mit freundlicher Erlaubnis wiedergeben.

Georges T. Roos: Was kümmert uns das Ende?

Brückenbauer Nr. 37, 08.09.1998 - Artikel lesen...

Helga Peskoller: Vorahnung oder Zufall?

Brückenbauer Nr. 38, 15.09.1998 - Artikel lesen...

Zurück zur Totentanz-Hauptseite

Was kümmert uns das Ende?

Der Tod ist so mächtig wie eh und je, obschon er in unserer Kultur verdrängt, an Krankenhäuser und Altersheime delegiert wird.

Ein Essay von Georges T.Roos über das letzte Tabu unserer Zeit.

Der Tod als ständiger Begleiter ist abgeschüttelt: Mit guten Gründen rechnen wir hierzulande damit, erst im hohen Alter zu sterben. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist im 20.Jahrhundert spektakulär gestiegen. Für die Menschheit ist dieser Fortschritt gänzlich neu, hatte sich doch zuvor die durchschnittliche Lebenserwartung über Jahrhunderte kaum verändert.

Heute stehen wir gar auf der Schwelle zum biblischen Alter von 120 Lebensjahren für alle. Zumindest prophezeit dies der amerikanische Arzt Michael Fossel («Das Unsterblichkeitsenzym»).

Trotzdem wird es eine «Unsterblichkeitsgewissheit auf Zeit» bleiben. Nichts dispensiert auch den heutigen Menschen davor, seinen Tod zu bedenken. Wir scheinen dies aber weniger denn je zu tun.

Dem eigenen Tod um Jahrzehnte entrückt, hält uns die moderne Sterbensadministration auch den Tod der anderen so gut wie möglich vom Leibe. Unsere Kultur hat den Tod ausgebürgert, an Krankenhäuser und Altersheime delegiert.

Leben wir gut ohne memento mori? Genügt es, sich erst mit dem Tod zu beschäftigen, wenn ein Angehöriger stirbt oder die aussichtslose Diagnose der Ärzte uns daran mahnt? Es gibt zumindest zwei gute Gründe, nicht einfach nach dem Motto «Was kümmert mich das

Ende» zu leben: Zum einen taucht ein problematisches Todesverhältnis in unauffälliger Verkleidung auf. Die diffusen Todesängste beeinflussen die eigene Lebensführung und das soziale Leben, ohne sich als solche zu erkennen zu geben.

Zum anderen kann ein reflektiertes Verhältnis zur eigenen Sterblichkeit dem Leben selbst eine Qualität wiedergeben, die der moderne Mensch schmerzlich vermisst: den Massstab dafür, was wichtig ist im Leben.

Moderne Gesellschaften drohen in einer Flut von Gesetzen, Geboten und Vorschriften zu ertrinken. Jede neue Trendsportart schafft einen neuen «Regelungsbedarf». In einem eigentümlichen Widerspruch zur Explosion der individuellen Lebensgestaltungsmöglichkeiten ist es das Ziel des Staates, immer mehr Risiken für seine Bürgerinnen und Bürger auszuschalten.

Politiker ziehen gegen den ungeschützten Seitensprung ins Feld, rüsten die Verteidigungskraft und investieren in die biologische Forschung. Sie pflastern die Verkehrswege mit Verbotsschildern voll, trennen Verkehrsströme, setzen Sicherheitsstandards fest, lancieren Präventionskampagnen und schicken Umwelt- und Gesundheitspolizisten aus.

- Regierungsgewalt legitimiert sich heute weitgehend durch die Sicherheitsleistungen zugunsten der Bürger. Ein guter Staat ist ein Staat, der die Gefährdungen seiner Bürger minimiert, also auch frühzeitige Todesfälle möglichst vermeidet. Subtil weisen auch die Todesursachestatistiken darauf hin: Die Rubrik «natürlicher Alterstod» fehlt. Die definierbaren Lebensgefährdungen suggerieren dagegen die Vermeidbarkeit des Todes.

Es fehlt wenig, bis wir Krankheit und Tod als Schuld auffassen, die eine präventivmedizinisch angepasstere Lebensweise verhindert hätte. Da die modernen Risiken immer undurchschaubarer werden, ist der einzelne immer mehr von staatlichen Expertisen abhängig, welche die Lebensbedrohungen identifizieren, definieren und abwehren.

Dies führt einerseits zu einem immer paternalistischeren Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern, andererseits führt es zu falscher Risikowahrnehmung und provoziert irrationale Ausbruchsversuche. Die Lebensadministration hat in unseren diffusen Todesängsten willfährige Komplizen.

Den Seismographen jeder Gesellschaft - den Sub- und Jugendkulturen - ist diese Lebensverwaltung im Dienste der Produktivitätssteigerung nicht entgangen. An den Rändern der Gesellschaft sind Oppositionskulturen wie die Death-Metal-Szene entstanden, die den Tod als Pflasterstein benutzen, um die Lebensparty der Konsumgesellschaft zu stören.

«Wer mit 20 nicht Aids hat, hat nicht gelebt», höhnen Graffiti-Sprüche von den Wänden. Warnaufdrucke der Zigarettenpackungen werden mit der Lancierung einer Zigarette in schwarzen, mit Totenkopf verzierten Schachteln, die «Black Death» heissen, ironisiert. Totenmessen, Schwarze Magie und die Koketterie mit den Todesemblemen bekunden den Widerstand gegen die geschäftige, scheinbar selbstverständliche Ausrichtung unseres administrierten

Lebens nach einem gedankenlosen Schneller, Höher, Besser. Dagegen setzen die Oppositionskulturen ein provozierendes «Warum»: Warum soll ich möglichst alt werden? Warum soll ich ein möglichst abgesicherter, willfähriger Arbeitnehmer sein, der die Hälfte seiner Wachzeit einem Einkommen nachrennt zugunsten weiterer Konsumsteigerung? «Lieber ein kurzes und heftiges als ein langes und ödes Leben!»

Die angepassteren Zeitgenossinnen und -genossen entwickeln aus der diffusen Todesangst andere Symptome. Dazu gehört die von amerikanischen Psychologen so genannte Eilkrankheit. Stress wird von der Erziehungswissenschafterin Marianne Gronemeyer mit einer unerkannten Angst vor dem Tod in Verbindung gebracht: Seit die letzten Dinge nicht mehr durch einen Rückgriff auf allgemeingültige

Eschatologien interpretiert werden können und das individuelle Leben als jeweils letzte Gelegenheit erscheint, hetzt der moderne Mensch von Lebensoption zu Lebensoption, von der Angst getrieben, die (relativ) kurze Zeitspanne nicht voll ausschöpfen zu können.

Nie zuvor hatten die Menschen die Freiheit, ihr Leben so individuell zu gestalten wie wir heute. Religiös oder sittlich vorgegebene Lebensmuster haben ihre Verbindlichkeit eingebüsst. Wir sind frei, mit Lebensstilen zu experimentieren.

Freilich erhöht diese Freiheit zugleich den Druck zu wählen: Wir sind gehalten, uns Lebenssinn und Lebensform selbst zu schaffen und zu kultivieren. Die anspruchsvolle Kultivierung der eigenen Identität, die Selbstkultur, ist zur Schlüsselkompetenz für ein «gutes Leben» geworden.

- Bereits in der Antike haben sich die Philosophen eingehend mit dem Thema der guten Lebensführung beschäftigt und Philosophie als eine geistige Übung verstanden. Für sie und viele andere säkulare Denker aus allen Epochen war die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit eine massgebende Bezugsgrösse. Für die Kinder der heutigen Erlebnisgesellschaft ist das Wissen um den eigenen Tod durch das Lebensgefühl der Unsterblichkeit auf Zeit verlorengegangen.

Eine der eindrücklichsten philosophischen Reflexionen zur Sterblichkeit hat der französische Philosoph Michel de Montaigne an der Schwelle zum neuzeitlichen Menschenbild angestellt.

Wer die Menschen zu sterben lehre, lehre sie zu leben. Memento mori bedeutet in der Moderne nicht, sich selbst als nichtig aufzufassen. Die Vergegenwärtigung des Todes dient der Vergewisserung, ein freier und autonomer Mensch zu sein.

Ganz im Sinne Montaignes, der ausserdem hinterliess: «Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr. Zu sterben wissen, das befreit uns von aller Lehnspflicht und von jedem Zwange.»

- Daran denken, dass man sterben wird, führt uns die eigene Lebenszeit als unsere kostbarste Ressource vor Augen. Wir sind aufgefordert, sie zu nutzen, das Leben auszukosten. Der Tod ist nicht das Ziel des Lebens, er ist das Ende. Die Zeit, die bleibt, sollten wir nicht einfach im Strom der Gewohnheiten und Anpassungen verbrauchen, sondern gebrauchen im Sinne einer aktiven Lebensgestaltung.

Der Tod wird uns dereinst trennen von den Möglichkeiten dieser Welt, von den Lieben, die uns nahe sind. Memento mori heute ist im Unterschied zu früher keine Vorbereitung auf ein Danach, sondern eine Aufforderung an das Hier und Jetzt: Wähle, was du wirklich tun willst, widme dich denen, die du wirklich liebst. Vertage nichts auf morgen.

Dass, wer so lebt, leichter stirbt, wie der Philosoph Wilhelm Schmid schreibt, ist das Geschenk, das das erfüllte Leben darüber hinaus empfängt. - In der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit bleibt der moderne Mensch nicht von Paradoxien verschont. Das Leben auskosten heisst Risiken eingehen.

«Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der höchste Einsatz, das Leben selbst, nicht gewagt werden darf», schrieb Sigmund Freud. Todesangst manifestiert sich oft als Lebensangst, im Vertagen von Entscheiden, im Vermeiden von Risiken, im Zuwarten. Aber vielleicht hilft, sich bewusst zu sein, dass das Leben ohnehin enden wird.

Die Alternative ist nicht ewiges Leben, die Alternative heisst möglicherweise sinnentleertes Leben.

- Das Nachdenken über den Tod kann in Lebenskrisen, die immer Risiko und Chance zugleich enthalten, helfen, die individuelle Prioritätenordnung zu finden. Was ist mir wichtig im Hinblick darauf, dass ich nur dieses eine Leben habe?

- Memento mori ist keine Vorwegnahme des Sterbens, sondern eine Haltung zum Tod, wie der Kulturphilosoph Thomas Macho sagt.

Die Sinnkrise, die jährlich viele Opfer kostet - unter jungen Männern ist der Suizid die häufigste Todesursache - , ist nicht zwingend eine Folge des Sterblichkeitsbewusstseins. Der Verlust des Lebenssinns kann gerade eine Folge der Todesverdrängung sein.

Der bewusste Tod macht aus der auslaufenden eine erfüllte Zeit und aus dem Grund des Leidens an der Sterblichkeit eine Quelle der Lebendigkeit. Diese Haltung zum Tod ist nicht gleichbedeutend mit einer Versöhnung mit dem Tod. Für Camus gehen das Ausschöpfen des Lebens, die gewonnene Freiheit und die Revolte gegen den Tod Hand in Hand.

Eine Kultur des memento mori, die noch nicht eine Sterbekultur ist, würde helfen, viele - auch versteckte - todbezogene Defizite im individuellen und gesellschaftlichen Leben wettzumachen. Sie stünde im Dienste des «guten Lebens» und wäre den Lebenden verpflichtet.

Und wenn wir der nachfolgenden Generation einen Dienst erweisen wollen, sollten wir die Schweigemauer gegenüber Tod und Sterben überwinden, wie es in den USA die Death Education seit 40 Jahren versucht.

Georges T.Roos


Georges T.Roos (35) ist Leiter der Abteilung Kulturelle Innovation des Gottlieb Duttweilers-Instituts für Trends und Zukunftgestaltung in Rüschlikon bei Zürich.

Liebe Mutter,
Ich habe in der letzten Nacht einen furchtbaren Alptraum gehabt. Mir träumte, dass unser Flugzeug in eine tiefe Schlucht abstürzte. Ich will Dir nicht angst machen, Mutter, aber mein Herz klopft. Trotzdem wage ich es nicht, von diesem Flug zurückzutreten. Man könnte sonst über mich lachen.
Liebe Grüsse, Marcella

Vorahnung oder Zufall?

Was ist es, das Menschen vor drohendem Unglück warnt? Interview mit Helga Peskoller

Die Innsbrucker Universitätsdozentin Helga Peskoller plädiert dafür, der Intuition in unserer vernunftgesteuerten Welt mehr Platz einzuräumen.

Die italienische Schönheitskönigin Marcella Mariani verfasste den obigen Brief kurz vor ihrem Tod. Zwei Tage nach dem tatsächlich eingetretenen Flugzeugabsturz erhielt die Mutter das Schreiben ihrer verunglückten Tochter. Einige Leute ahnen ihr Schicksal voraus. Ist dies Zufall oder Intuition?

«Brückenbauer»: Frau Peskoller, ist ein gewaltsamer Tod Ihrer Meinung nach Vorbestimmung, Schicksal oder Zufall?

Helga Peskoller: In unserem Kulturkreis stützen wir uns seit der Neuzeit auf die Vernunft. Was gegen sie gerichtet ist, zum Beispiel tiefe Gefühle wie Trauer oder Leidenschaft, versuchen wir wegzuerklären.

Der Tragik begegnen wir mit Wörtern wie Vorbestimmung oder Zufall. Vernunft ist wichtig, aber sie reduziert auch und macht vergessen, was die Naturphilosophen schon immer wussten: zum Werden gehört das Vergehen.

Für mich ist das Leben gerade das, was unsichtbar bleibt. In seiner Zivilisationsgeschichte hat der Mensch nichts anderes versucht, als diesem Unfassbaren auszuweichen und alles in die Hand zu bekommen.

Wie gehen andere Völker mit dem Unfassbaren um?

Todesfreundliche Kulturen sind immer auch lebensfreundliche Kulturen. Rituale, man denke an diejenigen der Tibeter oder Indianer, halten die Verbindung von Leben und Tod in Erinnerung. Erinnerung heisst auch, das Wissen von und zu den Ahnen nicht zu verlieren.

Wer den Tod nicht aussperrt, kann besser mit den beiden Seiten des Lebens und der daraus resultierenden Zwiespältigkeit umgehen.

Kann der Mensch in sein Schicksal eingreifen?

Das ist erneut eine Frage der Vernunft. Menschen wollen sich durch Machen retten, und oft gelingt das auch. Aber genausogut wäre das Gegenteil denkbar: Schicksale lehren uns über das Leben, das immer dual ist.

Einerseits lebe ich (aktiv), und andererseits erlebe oder erleide ich (passiv). Das sage ich aus der Distanz heraus. In Momenten grösster Verzweiflung und des Verlustes kann man so sicher nicht sprechen, denn man befindet sich im Bereich des Unsagbaren. Gerade das ist schmerzhaft und trennt.

Warum entgehen gewisse Leute durch äussere Umstände dem Tod?

Wer vermag das zu beantworten! Vielleicht aber führt ein Begriff weiter: Kontingenz, das heisst alles, was möglich ist. Im Normalfall nehmen wir nicht wahr, was alles möglich wäre. Im äussersten Notfall erkennen wir vielleicht nur mehr eine einzige Möglichkeit.

Hinterher, in der Reflexion, konstruieren wir etwas zusammen, das uns bestenfalls kurzfristig ruhigstellt. Der Tiefe des Gefühls ist aber nicht zu entgehen.

Wie erklären Sie sich die Vorahnung gewisser Menschen angesichts drohenden Unheils?

Erklären kann ich dieses Phänomen nicht, es liegt jenseits des Verstandes. Ich weiss nur, dass beispielsweise Bergsteiger vor einem Unglück eine starke Unruhe erfassen kann. Die Empfindung von Gefahr hat wohl jeder.

Die Sprache des Leibes ernst zu nehmen, das ist eine andere Sache. Das Aufkommen der Vernunft hat unter anderem das Zurückdrängen des Leibes - und damit des wertvollsten Seismographen - zur Folge.

Kann man sich auf seine innere Stimme verlassen?

Jein. Gehörtes kann auch täuschen, vor allem wenn Angst mitspielt. Angst warnt, macht aber auch dumm. Angst ist ein Schlüssel zum Grundproblem: forcierte Vernunft führt unter anderem zu Dumpfheit. Menschen spüren sich nicht mehr. Das wiederum bedeutet eine erhöhte Selbstgefährdung.

Haben Kinder einen natürlicheren und besseren Zugang zu ihrer Intuition als Erwachsene?

Mit Sicherheit ist bei Kindern der Zusammenhang von Fühlen und Handeln direkter, Kinder haben Verstand und Gefühl noch nicht klar getrennt. Aber wir könnennicht «zurück ins Paradies».

Gibt es Möglichkeiten, unsere Intuition zu trainieren?

Ich denke, dass dies durch einen anderen Umgang mit Vernunft möglich ist. Intuition ist ein Gegenüber zur Vernunft. Im Spannungsfeld zwischen beiden müsste man lernen, sich hin- und herzubewegen.

Interview Salomé Zimmermann

Dem Tod entronnen

Tennisprofi Marc Rosset hatte für den Unglücksflug SR111 gebucht. Dann entschied er sich kurzfristig, doch in New York zu bleiben.

Auch UBS-Präsident Mathis Cabiallavetta entkam dem Tod nur, weil seine Sitzung pünktlich endete und er einen früheren Flug nehmen konnte.

Solche «Zufälle» geben Anlass zu existentiellen Fragen.

Literatur

  • Philip Goldberg: Die Kraft der Intuition
  • Eugene T. Gendlin: Focussing
  • Philip Aries: Die Geschichte des Todes im Abendland
  • Safi Nidiaye: Die Stimme des Herzens