Wir danken ganz herzlich!

Wir wurden von unseren Freunden nach St. Petersburg eingeladen und aufs herzlichste empfangen. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren, aber es war das erste Mal, dass wir sie in Russland besuchen konnten. Es war wundervoll, liebe...

9. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Die Russen sind ein stolzes Volk, man sieht es an ihrem aufrechten Gang

Auch diese Reise geht nun leider zu Ende. Wadim, seine Frau Aljona und Töchterchen Anja sind noch einmal extra zu Irina gekommen, um sich von uns zu verabschieden. Sie bringen einen Kuchen mit und so sitzen wir ein letztes Mal an dem zu kleinen Tisch und sind ein bisschen wehmütig. Als wir bei Wadim waren, hatten wir das Kartenspiel "UNO" mitgebracht als kleines Geschenk. Wir hatten es zusammen ganz langsam, und zunächst mit offenen Karten gespielt, und hatten so ohne viel Russisch die Spielregeln vermittelt. Der Plausch an diesem Spiel hat offenbar angehalten. Mit "bist du gerade frei? dann könnten wir UNO spielen" hat Anja in den letzten Tagen ihren Vater gelöchert. Das kleine Geschenk war sichtlich ein Volltreffer.

Jetzt sind wir also wieder in der Schweiz, ärgern uns ein wenig über zwei neue Koffer, welche beide kaputt gegangen sind, essen gewohnte Küche, fahren über glatte Straßen ohne große Löcher und beobachten, wie beim Bahnhof Solothurn die Geleise des Bipperlisi ausgewechselt werden. In St. Petersburg haben wir ganz andere Holper-Tramschienen erlebt und uns gewundert, dass die Trams nicht entgleisen. Wadim hat hundert Mal gesagt, er werde jetzt dann seinen Lada gegen einen Panzer eintauschen, um an Kreuzungen besser über die Schienen fahren zu können.

Wir haben St. Petersburg ganz anders erlebt, als die Touristen, welche in einem Hotel absteigen. Wir haben Leute in sehr bescheidenen Verhältnissen in ihren Wohnungen erlebt, haben aber auch frisch renovierte Wohnungen mit westlichem Standard gesehen. Wir sind uns bewusst, dass vieles nach wie vor korrupt ist, und dass sehr viel mit Schwarzarbeit und Schwarzhandel realisiert wird. Viele Leute, vor allem auf dem Land, sind mausarm. Auf der anderen Seite gibt es die berüchtigte russische Mafia und die Neureichen, welche im Westen mit Riesensummen herumpokern. Wir haben auch bettelnde Kinder in Rollstühlen gesehen, welche bei touristischen Attraktionen abgestellt werden und dazu angeheürt sind, sehr professionell den Touristen einige Mitleids-Dollars zu entlocken (damit ziele ich nicht auf die Kinder, sondern auf diejenigen, welche hier Drahtzieher und Nutznießer sind). Und dennoch, wir haben unbeschreibliche Freundschaft erfahren, und zwar auf uneigennützige Art und in sehr herzlicher Weise. Jetzt, da wir wieder in der Schweiz sind, fällt mir ein Unterschied auf den städtischen Straßen sehr deutlich auf.

Mögen viele Russen noch so bescheiden leben, sie kommen alle sehr gepflegt und elegant gekleidet daher, auch die einfachen Angestellten. Und sie stehen und gehen anders als der hiesige Durchschnitt. Es ist zwar noch sehr viel im Argen in St. Petersburg, und zum 300-Jahr Jubiläum im Jahr 2003 wird längst nicht alles fertig renoviert sein. Aber man hat den Eindruck, die Leute seien beteiligt am Aufbau, sie fühlten sich als Bauleute einer neün Epoche. Ich höre immer wieder, die Russen seien ein stolzes Volk. Da ist was dran, man kann es zum Beispiel sehen an ihrem aufrechten Gang.

Eric Nünlist

Sergeij und Irina...
Wadim und Aljona...
Galina und Wladimir...
und Veronika