7. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Wie ein russischer Polizist die Parkbussenordnung auslegt

Unser Tages- und Nachtrhythmus ist ziemlich durcheinander, vor allem seit wir um halb zwei in der Nacht eine Fahrt durchs Zentrum gemacht haben (wegen des vielen Verkehrs kann man das nur nachts machen) und anschließend an der Neva bummeln gingen. Um diese Zeit öffnen sich die Brücken der Neva, damit die Schiffe durchfahren können. Weil es nie ganz dunkel wird, zeigt sich die Stadt nun im Dämmerlicht in ihrer zauberhaftesten Farbenpalette. Nach dieser Nacht haben wir lang ausgeschlafen.

Am Nachmittag gehen wir mit Wadim auf den Lazarus- und den Twichiner Friedhof, wo Politiker, Künstler und Wissenschaftler begraben sind. Wir sind sehr berührt, auf kleinstem Raum Tolstoi, Stravinskij, Tschaikowskij, Mussorgskij, Rimskij-Korsakow und viele andere beieinander zu finden.

Wadim ist ein absolut korrekter Autofahrer, er fährt defensiv und respektiert die Regeln wirklich. Und ausgerechnet ihm muss die folgende Szene passieren. Vor seinem Wohnblock hat es keinen Platz zum Parkieren, die Autos stehen längs und kreuz und qür herum, es hat sogar Autowracks dort. Obwohl ich noch viele Lücken und Möglichkeiten sehe, zögert Wadim lange, findet keinen Platz geeignet, aber in der Not stellt er sein Auto dann halt doch neben einem anderen Wagen ab. Wir steigen aus, und dann geht es noch zehn Sekunden und der vorher versteckte Quartierpolizist stellt sich in Pose und schnattert wie eine wilde Ente den großen Schwan Wadim an. Wir beobachten die groteske Szene aus einiger Distanz. Schließlich muss Wadim noch auf den Posten. Das bemerkenswerte Resultat der Geschichte kann ich so zusammenfassen: Offenbar wollte der Polizist ein Exempel statuieren, weil wir sichtlich ausländische Zeugen waren. Er büßte Wadim mit hundert Rubel (ca. fünf Franken). Er wird ihn aber für falsches Parkieren jetzt nie mehr büßen, weil er offenbar jede Bußenverfügung nach oben weiterleiten muss. Würde er den gleichen Parksünder mehrmals büßen, so entstände für seine Vorgesetzten der Eindruck, dass er in seinem Quartier keine Ordnung habe. Dies würde ihm Probleme verursachen. Offensichtlich ist dies auch der Grund, warum er gegen die anderen Park- und die Autowracksünder nichts unternimmt. Andere Länder, andere Sitten.

Der gemütliche Abend an Alliona's Klapptischchen mit einem wunderbaren Essen endet mit einem sehr berührenden Augenschein zwischen zwei Mietskasernen in Wadims Außenquartier. Ein Mann hat in jahrelanger Arbeit aus alten Brettern, Schrott und Pneus einen recht großen Kinderspielplatz aufgebaut. Es gibt hier Baumhütten, Bänkli, Spiele aller Art, Knusperhäuschen, Blumenbankette, verschiedene Schaukeln, das Haus der Babajaga und vieles mehr. Der unbekannte Mann hat sogar ein richtiges, komplett selbst gebasteltes und elektrisch betriebenes Karussel gebaut, welches in der Mitte eine kleine Kabine hat, wo ein Bub an einem einfachen Armaturenbrett die Anlage steürn kann. Viele Jahre gehörte auch ein Hund zu diesem Platz; er hat hier eine Ruhestatt mit Grabstein und Inschrift erhalten. Es ist, wie wenn man aus der Wüste in eine Oase kommt. Liebe Grenchner, Sie müssten die riesigen, kahlen Schlafstädte der Breschnewka's gesehen haben, um zu ermessen, was mein Bubenherz in diesem einmaligen Kinderparadies fühlt.

Herzlich, Ihr Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

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