6. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Bei Bajuschki Baju wischt Babuschka verstohlen eine Träne aus den Augen

Die achtjährige Anna will meiner Frau etwas erklären. Sie sind aber ganz allein und niemand kann übersetzen. Was tun? Der kleine und bildhübsche Fratz ist clever. Sie schlägt das wichtigste Schlüsselwort in meinem Dictionnaire nach, zeigt mit dem Finger drauf und erklärt den Rest auf Russisch und mit Händen und Füßen. Meine Frau tut dasselbe umgekehrt, weil sie mit dem kyrillischen Alphabet noch nicht so gut zu Rande kommt, dass sie es vorlesen könnte. Die Sache klärt sich rasch, und die beiden lächeln sich fröhlich an, weil es so gut geklappt hat.

Wir fahren etwa 70 Kilometer aus St. Petersburg hinaus auf die Datscha. Irina hatte uns so schonungsvoll auf dieses Haus und das Häuschen im Garten (eines, wo man üblicherweise ein herzförmiges Loch in der Türe erwartet) vorbereitet, dass wir wirklich eine Bruchbude mit einem Stuhl und eine Pritsche mit Stroh erwartet hatten. Wir staunen nun nicht schlecht, denn wir treffen ein Haus mit Küche, Gasherd, Lavabo und Holzheizung udn richtigen Betten an. Es gibt sogar Strom und einen Kühlschrank. Nur das Wasser muss man im Garten holen, und Trinkwasser etwas weiter her von einem Grundwasser-Brunnen. Das obgenannte Häuschen ist so wie solche Hauschen eben sind, aber sehr sauber. Irina ist offensichtlich froh, dass wir es so locker nehmen, und wir fragen uns, warum es vorher so viel Aufregung gekostet hat.

Wir haben noch immer Glück mit dem Wetter. Wir essen draußen und gehen nachher zu Fuß an einen kleinen See mitten im Wald zum Baden. Das Wasser ist wider Erwarten sehr warm und die Szene abgesehen von den Stechmücken sehr idyllisch. Wir genießen das Nichtstun sehr nach den langen Museumsmärschen der letzten Tage. Am Abend bräteln wir im Garten und sitzen gemütlich um einen Tisch, der eigentlich eine alte Badewanne ist, welche mit zwei Balken und einem Tischtuch gedeckt ist. Der Wodka fehlt natürlich auch hier nicht, aber ich staune, denn unsere beiden Fahrer trinken während des ganzen Tages keinen Schluck Alkohol. Allen Unkenrufen über die Russen zum Trotz sind die Männer, welche uns chauffieren, schon die ganze Woche trocken, wenns ums Fahren geht. Da könnten sich viele Schweizer eine Scheibe abschneiden, was den Fahrstil betrifft allerdings etwas weniger. Wobei anzumerken ist, dass das Fahren auf den hiesigen Straßen mit den tiefen Riesenlöchern und den vorstehenden Tramschienen einige Geschicklichkeit erfordert. Wadim hatte letzte Woche einen Achsbruch.

Musik ist angesagt. Wir haben sehr zum Erstaunen der Zöllner in Kloten und Prag einen Koffer mit Belleplates (englische Plattenglocken) mitgebracht, mit denen man in einer Gruppe musizieren kann. Alle Gäste auf der Datscha sind Musiker, und so entsteht spontan die "St. Petersburg & Swissbells Compania". Wir spielen alle zusammen um den Badewannentisch herum von mir arrangierte Glockenmusik von Dmitri Kabalevskij, aus Sister Act und Bajuschki Baju. Bei letzterem wischt sich die Babuschka (Großmutter) verstohlen eine Träne aus den Augen. Wir alle genießen diese wundervollen Stunden sehr und sagen "Druschba" - Freundschaft. Was gibt es Schöneres, als über alle Grenzen gemeinsam Musik zu machen?

Herzliche Grüße von der russischen Datscha von Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

Die clevere Anja übersetzt Russisch auf Deutsch mit dem Dictionnaire.
Babuschka (Grossmutter) schaut dem munteren Treiben zu.
Das Essen auf dem Badewannentisch schmeckt vorzüglich, und derselbe Tisch wird später...
...dazu verwendet, mit englischen Belleplates Glockenmusik im Ensemble zu spielen.