5. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Tag der unerwarteten Begegnungen in der Millionenstadt

Nun ist doch St. Petersburg eine Millionenstadt, aber heute ist offenbar der Tag der unerwarteten Begegnungen. Wir fahren mit Wadim (auch ein Sänger des Lyra-Chors, der schon in Grenchen war)hinaus auf den Peterhof. Dieser Lustgarten kann sich getrost mit Versailles messen. Er ist riesig, eine Augenweide mit all seinen Springbrunnen und man könnte auch hier tagelang verweilen. Plötzlich dreht sich Wadim um und rennt davon, klopft einem Mann auf die Schulter und die beiden begrüßen sich aufs herzlichste. Es ist Jean-Paul aus dem Baselbiet, ein absoluter Experte in Sachen russischer Orthodoxie, und es ist kein anderer als der Begleiter des Witzkragens Felix, den wir gestern bei Veronika angetroffen hatten. Damit nicht genug, auch Felix ist da, wir treffen ihn später beim Simpson-Springbrunnen. Die beiden sind hierher gekommen, weil verschiedene Sängergruppen hier heute musizieren, worunter auch der Bassist Miroslav, der schon viele Male bei uns in Oberdorf übernachtet hat. Es ist wirklich unglaublich, bald haben wir wirklich die ganze Truppe angetroffen.

Nachmittags gehen wir mit den Kindern in den Zirkus, allerdings ist unsere Monika nicht so glücklich. Für sie sind die meisten Tiernummern Tierquälerei. Man kann ihr das Mitleid in den Augen ablesen. Zum Glück gibt es auch Clownnummern, wo sich ihr Gemüt wieder etwas aufheitert. Während er Autofahrt mit Wadim frage ich ihn aus nach den Bedingungen, hier ein Auto zu kaufen und zu haben. Hier nur soviel: Auch Russland kennt die periodische Fahrzeugprüfung und sie ist sogar sehr streng. Aber die Probleme darum herum sind enorm: man muss tagelang Schlange stehen, um zu dieser Prüfung zugelassen zu werden, kleinste Unregelmäßigkeiten führen zum Durchfallen und die ganze Prozedur beginnt von vorne. Es kostet Zeit und Geld und Nerven. Viel einfacher ist es, sich den Schein, der hinter die Windschutzscheibe gelegt werden muss, auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Er kostet kaum mehr als die Prüfung, nämlich etwa 1000 Rubel. Das ist etwa soviel, wie hier 110 Liter Benzin zur Zeit kosten. Und im übrigen sind die Polizisten auch auf einen Zustupf zu ihren schlechten Löhnen angewiesen. Aus schweizer Sicht ist dies natürlich korrupt, aber hier macht vieles Sinn, worüber wir im Westen nur den Kopf schütteln würden.

Wir sind bei Wadim zu Hause zum Nachtessen eingeladen. Auch er wohnt in einer der großen Stalin'schen Mietskasernen irgendwo weit draußen. Aber wir haben inzwischen sehr wohl gelernt zu differenzieren. Es ist ein wahres Bijou von Wohnung, und die Aufnahme ist wie immer sehr herzlich. Monika findet sofort Anschluss und vergnügt sich bis ans Ende unseres Besuches mit der Tochter Anna. Dolmetscher ist in diesem Fall ein Hamster. Wadim's Frau Aliona hat ein sehr feines Nachtessen vorbereitet. Es gibt russischen Salat mit Baumnüssen, nicht zu vergleichen mit dem, was wir Westeuropär kennen! Danach erhalten alle ein feürfestes Töpfchen mit einer Art Gratin aus Fleisch, Kartoffeln, verschiedenen Gemüsen und einer absolut schmackhaften Sauce. Eine Gaumenfreude par excellence, nicht daran zu denken, dass wir in einem Touristenhotel abgestiegen wären. Es aht nur einen winzigen Klapptisch, aber es geht wunderbar, und es ist urgemütlich. Ich fühle mich in meine Internatszeit zurückerinnert, als wir jeweils auf einer ausgehängten Zimmertüre eine Spaghettata veranstaltet haben. Damals hat der Liedermacher Linard Bardill noch die Sauce dazu gekocht.

Mit Wadim fahren wir nach dem Essen in ein Art-Kaffee, wo Veronika (siehe letztes eMail) französische und englische Lieder singt, begleitet von einem begabten Barpianisten. Es ist eine ganz kleine, schöne alte Beiz, mit Holzbänken und Holztischen, auf einer kleinen Bühne in der Ecke ein Klavier und Gäste um die fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt. Veronika singt wundervoll, nur schade, dass viele Gäste es nicht so zu schätzen wissen und laut schwatzen. Dann taucht noch ein Freund Wadims auf, ein Russe, der in Zürich wohnt und zufälligerweise gerde in St. Petersburg ist. Wenn man all die Begegnungen der letzten Tage abmachen wollte, man würde nie und nimmer einen Termin finden. Eine zünftige Wodkarunde beschließt den heutigen Abend. Morgen fahren wir aufs Land auf eine Datscha, wo es überhaupt nichts von dem gibt, was wir Infrastruktur nennen, also auch keinen Computer, um ein eMail nach Grenchen zu schicken. Ich melde mich später wieder.

Da vstretschi, Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

Diese Anlage hat nicht zu allen Zeiten so ausgesehen. Sie wurde im 2. Weltkrieg durch Deutschland bombardiert und die goldene Simpson-Statue des Brunnens gestohlen.
Der Peterhof ist das Versailles von St. Petersburg. Dieser Kanal führt direkt in den finnischen Meerbusen, so dass der Zar mit dem Schiff direkt vor den Palast fahren konnte.
Ist es nicht wunderbar hier? fragt Wadim, neben Kathrin stehend.
Der Sonnenbrunnen stößt sein Wasser wie Sonnenstrahlen aus. Es gibt auch Überraschungsbrunnen, welche unregelmäßig spritzen.Dort spielen immer viele Kinder, welche darauf warten, dass sie plötzlich nass gespritzt werden und kreischen dann, wenn es passiert.
Wenn man es abgemacht hätte, das Zusammentreffen mit Kathrin, Wadim, Felix und mir hätte nie geklappt.
Veronika singt im Art-Café französische und englische Lieder.