4. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Umziehen für Tschaikowskij's Schwanensee in der Toilette des Theaters

Ich habe mich schon ziemlich an die kyrillische Schrift gewöhnt, auf jeden Fall finden wir alles; und auch verstehen wir noch nicht viel, so hilft doch manchmal ein einfaches Schlüsselwort. Den Soldaten, der uns beim Eintritt zur Kathedrale anhält, verstehe ich nicht, vermute aber, dass er unsere Rucksäcke kontrollieren will. Ich sage nur "chatitje atkrivatj?" (Wollen sie öffnen?) und er bestätigt dies, findet aber nur unsere Regenjacken, die wir nicht brauchen werden, weil es über dreißig Grad heiß ist, und der angekündigte Regen nicht kommen wird, und wir können passieren.

In dieser Millionenstadt ist immer etwas Besonderes los. Heute ist in St. Petersburg Patrozinium von Peter und Paul. Wir gehen zum großen Festgottesdienst in die Kasalskij-Kathedrale. Liebe Grenchner, nehmt es mir nicht übel, aber eine so volle Kirche habe ich schon lange nicht mehr gesehen, schon gar nicht in Grenchen. Dabei müssen hier alle stehen, und der Gottesdienst daürt mehr als zwei Stunden... Der Chor singt fast unabläßig, im Wechsel mit den Zelebranten oder mit der Gemeinde. Es ist ein kleiner Chor, aber mit wundervollen Stimmen, und einmal mehr passiert es mir, wie schon oft bei orthodoxer Musik, mir laufen einfach die Tränen aus den Augen. Dabei ist es eigentlich so einfache Musik, wie soll ich das erklären?

Nachmittags besuchen wir das russische Museum mit der russischen, aber gut englisch sprechenden Sängerin Veronika, die uns gestern schon die Eremitage gezeigt hat. Auch diese Paläste und ihre Bildergalerien sind einfach umwerfend für uns. Besonders der Maler Aivasovskij hat es mir angetan. Er hat unzählige Bilder am Wasser gemalt, mit wundervollen Sonnenuntergängen und mit Sturm und Schiffbrüchen. Eines davon, riesengroß und ganz in grün-blau gehalten, zeigt die Gischt so dramatisch, dass man nicht mehr sehen kann, wo das Wasser aufhört und wo der Himmel anfängt. Ich stehe lange vor diesem Bild, sehr lange.

Der Alltag holt uns aber schnell ein. An einer Straßenecke stehen Polizisten betreten da und warten auf den Arzt, der nur noch feststellen wird, was jeder sehen kann, der diesen schlimmen Anblick überhaupt erträgt. Unsere Gastgeber warnen uns jeden Tag: die Russen fahren wirklich brutal schnell, und manchmal fragt man sich als Fußgänger hier schon, ob gegen uns die Jagdsaison eröffnet worden sei. Aber das Leben geht auch jetzt weiter. Veronika kocht uns in ihrer Wohnung ein Abendessen. Bald klingelt es, und Felix aus dem Aargau steht da, mitsamt seinem Rollstuhl. Ich frage mich erst jetzt am Computer schreibend: wie er den wohl in den vierten Stock gebracht? Ich begrüße ihn schweizerdeutsch, was ihn nicht mal zu überraschen scheint. Unglaublich, da reist einer, der wenig Russisch kann und gehbehindert ist quer und längs durch Russland und schaut einfach mal, was passiert. Aber er macht seinem Namen alle Ehre, Felix heißt der Glückliche. Einem solchen Witzkragen und offenen Menschen kann eigentlich nichts Schlimmes passieren. Wir hätten ihm noch stundenlang zuhören können, wie er von seiner Reise erzählt hat.

Irina hat das Unmögliche geschafft und fünf Eintrittskarten für das ausverkaufte Ballett organisieren können. Wir treffen uns abends bei einer zentralen U-Bahn Station und gehen zu Tschaikowskij's Schwanensee. Sie bringt uns unsere Abendkleider mit, und wir ziehen uns in der Toilette des Theaters um. Im Gegensatz zur Schweiz, wo die Damen fast immer weiter gehen müssen als die Männer, ist hier die Herrentoilette zuoberst im Theater. Eines aber ist gleich, bei den Damen stehen sie Schlange, bei den Herren ist die Toilette leer. Dies erlaubt mir sogar, mich am Lavabo notdürftig am Oberkörper zu waschen. Und dann stehe ich völlig verwandelt da, mit weißem Hemd, Kravatte und schöner Hose. Entzückt erleben wir den Schwanensee, sitzen pickfein in einer Loge und ich denke für mich und für die Tänzerinnen auf der Bühne: Ja,ja, Kleider machen Leute.

Müde, aber heiter grüßt Sie alle Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

Das Puschkindenkmal vor dem russischen Museum. Dieser Poet wird in Russland hochverehrt, auch von den einfachen Leuten.
Dieses Bild von Aivasovskij ist etwa zwei Meter hoch und die Wirkung es in natura zu sehen ist unbeschreiblich!
Nach der Umkleideaktion sitzen wir piekfein im Ballettabend. Schnappschuss aus der Loge (selbstverständlich ohne Blitz!)