3. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Prunk und Kunst neben sowjetischen Bausünden

Hatte ich gestern von den Gegensätzen in St. Petersburg gesprochen, so fand dies heute durchaus seine Fortsetzung. Wer schon hier war, nennt allen kommenden Besuchern das Zauberwort "Ermitage". Wer dann fragt, was das sei, dem wird geantwortet: "du wirst schon sehen". Was soll man auch in Kürze sagen über die grösste Ausstellung Russlands mit 2,5 Millionen Exponaten (!) in 25 Einzelausstellungen verteilt auf eine Vielzahl von unermesslichen Hallen, welche fast alle einen Intarsienboden haben, auf welchem die Besucher wegen der Fülle der visuellen Reize meist achtlos herumgehen? Wir machten einen Schwerpunkt bei den holländischen Malern wie Rembrandt und van Dijk, sowie bei Bildern von Renoir, van Gogh, Cézanne, Monet und Picasso. Es war für mich ein besonderes Erlebnis, vielen Bildern zu begegnen, die ich von Reproduktionen kannte, und nun aus nächster Nähe sehen konnte, und zwar buchstäblich. Die meisten Bilder sind nicht mal unter Glas, und man kann so nahe an sie heran, dass man sie berühren könnte. Dies hat mich sehr berührt.

Eine weitere Sängerin aus dem Neva-Chor, die uns in Oberdorf schon mit Borschtsch und Blini kulinarisch verwöhnt hat, führte uns durch diesen immensen Reichtum. Sie selber aber lebt als alleinerziehende Mutter mausarm in dieser Stadt und versucht sich als Sängerin in einem Art-Café den Lebensunterhalt zu verdienen. Gegen Abend machten wir noch eine Rundfahrt mit einem Boot durch die Kanäle und über die Neva, vorbei an der Auferstehungskirche, vorbei an zahlreichen Palästen und unter Brücken durch, aber auch vorbei an Fabriken und Klötzen aus der Sowjetzeit. Die Frage, die sich mir dabei stellt: Wenn es den holländischen Staat schon fast ruiniert, die baulichen Errungenschaften aus ihrem "Goldenen Jahrhundert" zu erhalten, wieviel schwieriger dürfte diese Aufgabe hier in St. Petersburg sein?

Bis zum nächsten eMail grüßt Sie Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

Das Entrée der Ermitage lässt schon einiges erahnen vom kulturellen Reichtum, der einen hier erwartet.
Auf der Bootsfahrt durch die Kanäle kommt man auch vorbei an der Auferstehungskirche, welche Innenwände hat welche vollständig aus Mosaiken bestehen!
Der Holzboden mit reichen Intarsien im großen Krönungssaal ist nur einer von vielen schönen Böden.