2. eMail aus ST. PETERSBURG

Eric Nünlist

Wie es kommt, dass ein 3-Jähriger bereits halbe Arien singen kann

Wir haben trotz der nordischen Nacht, in der es kaum dunkel wird, wie die Murmeltiere geschlafen. An unserem ersten St. Petersburger Tag machen wir einen ersten Rundgang, wozu natürlich der Geburtsort der Stadt gehört. Mitten im Sumpfgebiet der Neva-Mündung ließ Peter der Große mit Hilfe von zehntausenden Leibeigenen ein Bollwerk gegen die Schweden errichten, um einen Meereszugang zu haben. Aber wo nimmt man die Steine dazu her? Ganz einfach: Während langer Jahre musste hier der Wegzoll in Form von Steinen entrichtet werden. Auch jetzt ist die ganze Stadt wieder ein einziger Bauplatz, denn nächstes jahr ist Jubiläum, da soll sie in frischem Glanz erstrahlen. Die Peter und Paulskathedrale, wo alle Notablen begraben sind, zeigt innen bereits wieder ihren unglaublichen Reichtum, hingegen ist das Äußere mit seinem 120 Meter hohen Turm noch vollständig eingerüstet. Zufällig findet am Strand der Festung gerade ein Sandskulpturen-Festival statt, und für ein paar Rubel Durchgangsgebühr können wir die wunderbaren Skulpturen besichtigen.

Nach dem Verzehr von Blini (den berühmten Pfannkuchen), die wir an einer Art "Cheschtelemuni-Häuschen" kaufen ziehen wir bei schönstem Sonnenschein weiter zur Eremitage und über den Schlossplatz, wo 1917 die folgenschwere Oktoberrevolution ihren Anfang nahm. Unsere Blase meldet sich. Was macht man, wenn man pro Person sieben Rubel zur Benützung eines unbeschreiblichen Häuschens hinblättern sollte, aber nur eine hundert Rubel Note dabei hat? Die buchstäbliche Not macht erfinderisch, hier führt eine ein-Dollar Note zur Erleichterung. Danach gehen wir in brütender Hitze der 4 Kilometer langen Haupteinkaufsstrasse entlang. Sie hat den richtigen Namen dafür: Njewskij-Prospekt. Sergeij Aljetschenko, nicht unser Gastgeber, sondern einer der Sänger, welcher ebenfalls schon in der Zwinglikirche Grenchen zu Gast war, singt hier an der Oper. Er hat uns für heute zur Premiere von Donizetti's "Don Pascuale" eingeladen. Wir sitzen ehrenvoll in der ersten Reihe und sind entzückt, ihn in der Rolle des Ernesto zu erleben. Weil auch die Oper renoviert wird, findet die Aufführung konzertant statt, im Prunksaal des Jussupow Palastes. Dies heisst gar nicht etwa, dass die Sänger nur so dastehen. Sie inszenieren die Oper auf minimalste, aber witzige Art, und die Musik ist wegen der Saalakustik zwar etwas zu laut, aber wunderbar.

Ernesto, alias Sergeij hat uns nach der Oper zu sich nach Hause eingeladen. Ich besorge noch einen Schampanskoje und Irina hiesiges Gebäck. Wir kommen in einen der typischen Hinterhöfe, zu einem Haus, welches bei uns Mietskaserne genannt wird. Obwohl vorbereitet, erleben unsere Kinder eine Art Kulturschock. Der Hinterhof ist absolut kahl, die Eingänge lassen keine Wohnhäuser dahinter vermuten, das Treppenhaus ist dunkel und die Wohnung, welche Sergeij, Nadjeschka und der dreijährige Vasilij bewohnen, ist ziemlich weit weg von dem, was bei unseren einfachsten Miethäusern heutzutage üblich ist. Dabei wohnten dort früher sogar drei Familien, je eine in einem Zimmer, was dazu führte, dass die heutige Wohnstube in drei Teile geteilt wurde, man kann es an den hellen Streifen am Boden und an der Decke noch sehen. Der Empfang aber ist sehr herzlich und der dreijährige Vasili gibt ein Ständchen zum besten, begleitet durch seinen Vater auf dem alten Klavier. Wenn dieser Studenten unterrichtet, singt der Kleine immer mit, daher kann der Knirps, der übrigens so gross und stark ist wie ein Siebenjähriger, schon halbe Arien singen. Hier unbeschreiblicher Prunk, dort totale Einfachheit, manchmal Armut. Die Gegensätze könnten nicht grösser sein, die Herzlichkeit der Gastfreundschaft aber auch nicht. Ich höre in der Schweiz gelegentlich, dass die russischen Musiker nur in den Westen kämen, um Geld zu machen. Wer ihre Wohn- und Lebenssituation gesehen und erlebt hat, wird verstehen.

Herzliche Grüße aus St. Petersburg Eric Nünlist

Zur Fortsetzung

In der Peter & Paul Kathedrale
Die Sandskulpturen-Ausstellung entlang der Neva
Im Treppenhaus des Jussopow-Palastes
Der kleine Vasilij singt schon Arien und wird am Klavier von seinem Vater (alias Ernesto in Don Pascuale) begleitet.